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Heilige Rocker füllen Kirchen

Alexandra Welsch / Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.)

Sep 8, 2025

Der Pfarrer und der Organist der Johanneskirche haben eine Rockband gegründet. Das D.O.O.R.-Projekt findet viel Anklang - und spielt Geld für die Orgel ein

Das Schlagzeug treibt mit peitschenden Beckenhieben den Song an, die Orgel legt einen spannungsaufbauenden Akkordteppich, dann steigt die E-Gitarre mit dem bekannten Rockriff von  „Smoke on the Water“ ein. Verzerrt tönt es von der Empore durch das Kirchenschiff, da wird im Publikum unten schon mitgeklatscht. Doch wo im Originalsong  „Deep Purple“-Sänger Ian Gillan mit voluminöser Stimme eine Feuersbrunst besingt, trällert hier eine Querflöte die Gesangsmelodie. Und auch sonst ist diese Instrumentalversion des Klassikers anders: An der Front rockt ein Pfarrer an der Gitarre.


„Deep Organ On Rock“, kurz D.O.O.R. so heißt - in Anlehnung an das epochemachende Album „Deep Purple in Rock“ - das Bandprojekt des Darmstädter Pfarrers Gerhard Schnitzspahn. Seit zehn Jahren spielt der Pastor der Evangelischen Johannesgemeinde und passionierte Gitarrenmusikfan zusammen mit seinem Kirchenorganisten Bernhardt Brand-Hofmeister in einer auf fast zehn Musiker angewachsenen Truppe in der heimischen Kirche im Johannesviertel in anderen Gotteshäusern und an Veranstaltungsorten der Region. Auch den ZDF-Fernsehgottesdienst mit fast einer Million Zuschauer haben sie schon live bespielt. Und anlässlich ihres Jubiläums stehen in diesem Jahr einige Auftritte an, als Nächstes am 14. September in der Kirchengemeinde Pfungstadt.


Mit ihrer unkonventionellen Fusion aus Kirchenorgel. Posaunen- und Bläserchören für Rockklassiker von Bands wie Santana, Pink Floyd, The Doors oder Uriah Heep wollen die ,,Heiligen Rocker“, wie sie sich augenzwinkernd nennen, ein besonderes sakrales Klangerlebnis schaffen. Für Initiator Schnitzspahn ist es aus mehreren Gründen nicht abwegig, diese eher wenig gediegenen Stücke in der Kirche zu inszenieren.  „Tritt frisch auf, mach's Maul auf, hör bald auf“, zitiert er einen Spruch, mit dem Kirchenreformer Martin Luther zu volksnahem predigen angehalten haben soll. Und das Leitbild ihrer Kirche laute schließlich „Bei Gott und den Menschen zu Hause“. Zudem: Viele Gemeindemitglieder seien im Seniorenalter, und Klassikrock sei die Musik ihrer Jugend gewesen.  „Inzwischen sehe ich unser Projekt auch als Seniorenarbeit“, sagt Schnitzspahn, selbst mittlerweile 66 Jahre alt.

 

Zu ihren Konzerten kämen viele grauhaarige Menschen - wenn auch teils mit Hörgeräten oder  „Rock-'n'-Rollatoren“ wie er schmunzelnd nachschiebt. Und für die, die nicht mehr so gut sehen, wird das Livemusikgeschehen stets mitgefilmt und groß auf Leinwände geworfen. Fast wie im Stadion.


Wenn die D.O.O.R.-Musikanten ihre Version der sphärischen Rockballade  „A Whiter Shade of Pale“ durch die Kirche schicken mit jener getragenen Orgellinie, die stark an Kirchenmusik von Bach erinnert, dann gehen schon mal Feuerzeuge hoch. Und ein Stück wie  „Stairway to Heaven“ trägt die Ausrichtung gen Himmel schon im Titel.

 

Allerdings gibt es Grenzen. Wie Schnitzspahn hervorhebt, würde er nie ein Stück wie „Highway to Hell“ spielen, das die Schnellstraße zur Hölle besingt.  „Wir haben auch immer mal Kritik bekommen, Rockmusik sei unheilig, Satansmusik, und ein Schlagzeug könne ja nicht Gottes Wille sein“, erzählt er. Ihr Projekt bringe aber auch Menschen in die Kirche. Vereinzelte seien sogar deswegen wieder eingetreten.

 

So oder so, der Pfarrer ist sich seiner Sache sicher - und klingt da fast ein bisschen nach Rockstar: „Gott gibt mir Rückenwind für dieses Projekt, und der Erfolg gibt uns recht.“ Die Kirchen seien meist voll, wenn sie spielten. Ihren bislang größten Auftritt hatten die Musiker 2023 in der Schlosskirche der Lutherstadt Wittenberg, 2200 Besucher hätten dafür Schlange gestanden. Für Schnitzspahn ein Höhepunkt, auch wegen des geschichtsträchtigen Reformationsorts, an dem Luther im 16. Jahrhundert seine Reformationsthesen an die Tür genagelt hat. Und dort standen sie nun Schlange für die Heiligen Rocker.

 

„Es ist kontinuierlich gewachsen“, freut sich auch Kirchenorganist Brand- Hofmeister, die zweite treibende Kraft hinter dem D.O.O.R.-Projekt. Auch der Klangkörper habe sich über die Jahre deutlich erweitert, indem sie immer mehr Musiker dazugenommen hätten. Ihre Grundlautstärke liege heute bei 100 Dezibel. „Ein Riesengeschenk“ nennt es der 42 Jahre alte Organist. Nicht nur weil es ihnen einen Riesenspaß mache, den Menschen damit Freude zu bereiten. Die Einnahmen aus den Auftritten kämen zudem Gemeinde und Kirchenmusik zugute. Aktuell stehe die Sanierung der 70 Jahre alten Orgel in der Darmstädter Johanneskirche an, da sei mit Kosten zwischen 200.000 und 250.000 Euro zu rechnen. Und dass die Kirchenrockmusiker auch hierfür einiges an Geld einspielen, hat mit einem weiteren Spezifikum dieser ungewöhnlichen Band zu tun:  „Unsere Musiker machen das alles ehrenamtlich.“

 

Der Enthusiasmus soll auch nicht enden, wenn ihr Frontmann Schnitzspahn im nächsten Jahr als Pfarrer in den Ruhestand geht. Zwar zieht er sich dann von der Kanzel zurück, er will aber auf jeden Fall an der Gitarre weitermachen. Lachend sagt er: „Ist ja jetzt schon eine Rentnerband.“

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Hintergrundbild mit freundlicher Erlaubnis von Andreas Arnold und 

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